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The Power of the Dog

Dieser Artikel entstand in Vorbereitung auf ein Treffen der VeDRA-Dramaturgie-AG. Ziel war eine dramaturgische Analyse unter besonderer Berücksichtigung des Themas der Geschichte.
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Daten & Fakten

Kategorie: Adaptiertes Drehbuch
Format: Spielfilm
Genres: Drama / Western
Drehbuch: Jane Campion
Vorlage: Thomas Savage
Regie: Jane Campion
Besetung: Benedict Cumberbatch, Kirsten Dunst, Jesse Plemons, Kodi Smit-McPhee
Land: UK, Kanada, Australien, Neuseeland, USA
Jahr: 2021
Anbieter: Netflix
SPOILER ALERT

Synopsis

Ein minimalistischer und doch hypnotischer Western-Soundtrack. Auf schwarzem Grund erscheinen in goldenen Lettern die Titel. Dazu hören wir die sanfte und sonderbar entrückt wirkende Stimme des Ich-Erzählers Peter Gordon, die sagt: “When my father passed, I wanted nothing more than my mother’s happiness. For what kind of man would I be if I did not help my mother? If I did not save her?”

Kapitel I: Eine Welt der Gegensätze

Die Geschichte spielt auf einer Farm im US-Bundesstaat Montana des Jahres 1925. Es gibt Rinder, Pferde, Cowboys und jede Menge Staub. Aber es gibt auch das: einen Springbrunnen vor dem Haus, holzvertäfelte Wände, Silbergeschirr und eine weiße, mit Stickereien verzierte Leinen-Tischdecke. Willkommen in der Welt der Brüder PHIL und GEORGE BURBANK. Die beiden haben den Hof vor 25 Jahren von ihren Eltern übernommen, die es offenbar vorzogen, sich kultivierteren Tätigkeiten zuzuwenden. Beide Brüder sind unverheiratet, doch das ist auch schon alles, was sie verbindet. Phil ist ein wenig freundlich wirkender Cowboy, der seinen Bruder „Fatso“ („Fettsack“) nennt, mehr schlecht als recht das Banjospielen beherrscht und im laufenden Jahrhundert noch nicht einmal in einer Badewanne gesessen hat. George hingegen hat Manieren, ist still und stets gut gekleidet – und sein älterer Bruder bereitet ihm offensichtlich Sorgen. Als Nächstes treffen wir auf PETER GORDON, den zentralen Protagonisten unserer Geschichte. Peter ist ein sensibler junger Mann, der in seiner Freizeit Papierblumen bastelt, um damit das Grab seines Vaters zu schmücken. Mit seinem ausgefallenen Hobby will er nicht recht in die raue Präriewelt passen, die ihn umgibt. Peters Mutter ist die Witwe ROSE GORDON, die in einem kleinen Städtchen namens Beech mitten im Nirgendwo eine Herberge samt Gaststätte betreibt. An diesem Abend erwartet sie eine Gruppe von Cowboys, die eine Herde Rinder vor sich hertreiben. Phil und George sind die Anführer des Trosses. Bevor es zum ersten direkten Aufeinandertreffen zwischen Peter und Phil kommt, lernen wir noch etwas über die Ursache der Spannungen zwischen den beiden Brüdern: Ein Mann namens Bronco Henry lehrte die beiden einst, wie man eine Farm führt. Doch George zog es vor, das College zu besuchen. Phil, der Bronco noch immer sehr bewundert, hat George seine Entscheidung nie verziehen. Die erste Begegnung mit Phil im Speisesaal wird für Peter zur Demütigung: Phil macht sich vor versammelter Runde über Peter lustig und benutzt eine seiner Papierblumen, um sich eine Zigarette anzuzünden. George tröstet  anschließend die weinende Rose und stellt seinen Bruder zur Rede. Phil rechtfertigt sich, er habe lediglich das „Offensichtliche“ (Peters Homosexualität) aufzeigen und aus Peter einen „echten“ (heterosexuellen) Mann machen wollen.

Kapitel II: Die Hochzeit [0h22m]

Phils Blick wird immer wieder von einer unscheinbar wirkenden Hügelkette angezogen. Was er dort sehe, wird er von seinen Leuten gefragt, doch Phil will sein Geheimnis nicht preisgeben. Seine Antwort verrät uns etwas über seine Philosophie und darüber, wie er womöglich auch mit einem ganz anderen Problem umgeht: „Wenn du es nicht sehen kannst, dann ist es auch nicht da.“. George fährt mit dem Auto nach Bleech, um Mrs. Gordon seine Aufwartung zu machen. Die wirkt zunächst überfordert, doch als George sich spontan als Kellner-Ersatz für den gekränkten Peter anbietet, erobert er damit ihr Herz. Als George nach Hause kommt und Phil von seinem Ausflug erzählt, fällt dessen Reaktion auf die sich anbahnende Beziehung gewohnt schroff aus. Seine Antwort erstaunt dennoch: „Bestimmt bittet sie dich bald um College-Geld für Miss Nancy.“. Als Phil erfährt, dass George und Rose bereits geheiratet haben, lässt Phil seine angestaute Wut an einer Stute aus, die er mit einem Lappen aus dem Stall prügelt und dabei eine „Schlampe“ („bitch“) und eine „Hure“ („whore“) nennt.

Kapitel III: Der Besuch des Gouverneurs [0h33m]

Bevor Rose zu George auf seine Farm zieht, bringt sie Peter in sein neues Zuhause: Ein kleines Zimmer bei einer älteren Dame, wo er nur dann beim Abwasch helfen muss, wenn er keine Hausaufgaben zu erledigen hat. Zum Abschied bittet Peter seine Mutter, einige der Rosenblätter von ihrem Strauß behalten zu dürfen. Rose lädt ihn ein, sie eines Tages auf der Farm zu besuchen. Unterwegs bringt Rose George das Tanzen bei. George bittet Rose, beim anstehenden Besuch des Gouverneurs ein paar Takte auf dem Klavier zu spielen. Rose wird von Phil frostig empfangen. Er sei nicht ihr Bruder, antwortet er auf ihren Versuch, das Eis zu brechen. Als George und Rose später Sex haben, erträgt Phil die Geräusche nicht und flüchtet in den Stall, wo er sich geradezu zärtlich des Sattels von Bronco Henry annimmt. Am nächsten Tag nimmt Phil ein Bad in einem See.

George verabschiedet sich auf eine Geschäftsreise und kündigt eine Überraschung an. Sofort befällt Rose ein Gefühl der Befremdung und sie sucht ein wenig Zerstreuung bei den Mägden in der Küche, die auf ihr Erscheinen jedoch mit Verlegenheit reagieren. Die angekündigte Überraschung entpuppt sich als waschechter Konzertflügel, wo Rose doch gerade mal ein paar wenige bekannte Melodien wie den Radetzky-Marsch zu ihrem Repertoire zählt. Sichtlich unter Druck beginnt Rose zu üben, doch Phil verstärkt seinen Psychoterror, indem er sie aus der Ferne, doch unüberhörbar, auf seinem Banjo begleitet. George stellt Phil erneut zur Rede, doch nicht wegen Rose, sondern um ihn zu bitten, sich für den bevorstehenden Besuch des Gouverneurs und seiner Frau zu waschen. George holt seine ELTERN vom Bahnhof ab und stellt ihnen seine Frau vor. Als Phil nicht zum Abendessen auftaucht, macht George sich auf die Suche nach ihm – und findet ihn im Pferdestall in Bronco Henrys Sattel sitzen, noch immer ungewaschen. Rose wird von den Gästen gebeten, etwas auf dem Klavier zu spielen, doch ihr versagen die Nerven. Phil macht der Festgesellschaft seine späte Aufwartung. Sichtlich eingeschüchtert greift Rose nach ihrem Cocktailglas.

Kapitel IV: Porno-Magazine, eine lebende Leiche und ein toter Hase [1h00m]

Rose besucht Peter in der Stadt und kauft mit ihm Klamotten. Peter erklärt, er habe einen Freund gefunden, wolle ihn aber nicht auf die Ranch mitbringen, damit er nicht einer „bestimmten Person“ begegnet. Als Rose und Peter im Auto auf der Ranch ankommen, hat Phil gerade 1.500 Ochsen kastriert. Als er Peter aus der Ferne erblickt, nennt er ihn „Miss Nancy“ bzw. „Lord Fauntleroy“. Rose nimmt einen Schluck aus der Schnapsflasche, die sie im Kleiderschrank versteckt hat. Peter wird erneut das Opfer des Spots durch Phils Männer. Als er von einem Ausflug heimkehrt, findet er seine Mutter mitten am Nachmittag im Bett und schenkt ihr einen Hasen, den er gefangen hat. Die Freude darüber verfliegt, als die Haustür aufgeht und Phils Schritte im Untergeschoss zu hören sind. Rose sitzt bei den Mägden in der Küche. Die ältere erzählt eine gruselige Geschichte über eine Tote, der im Sarg noch weiter Haare gewachsen seien. Die jüngere will dem Hasen eine Karotte verfüttern und überrascht Peter, wie er seinem Zimmer gerade dabei ist, ebendiesen zu sezieren. Rose fordert Peter zu einem Tennis-Match heraus – mit der jungen Magd als Schiedsrichterin. Als Rose ihn auffordert, keine weiteren Hasen in ihrem Haus zu sezieren, antwortet Peter: „Welcher Mann hört schon immer auf seine Mutter?“. Nach dem Match erleidet Rose einen Migräne-Anfall, ausgelöst offensichtlich durch die Präsenz Phils, der sie aus der Ferne beobachtet. Von Peter danach befragt, antwortet Rose: „Er ist nur ein Mann, nur ein typischer Mann.“ Rose übergibt sich und findet im Müll einen Rest Schnaps, den sie gierig herunterschluckt. Dabei wird sie von Phil beobachtet, der deutlich hörbar den Radetzky-Marsch pfeift. Während seine Männer nackt im Fluss baden, zieht Phil sich in seine „Höhle“ zurück und gibt sich seinen Fantasien hin – angeregt durch einen Schal mit den Initialen „B.H.“ (Bronco Henry). Während Phil im Fluss badet, findet Peter das Versteck und in einer kleinen Hütte ein paar schwule Porno-Magazine. Als Phil Peter bemerkt, verjagt er ihn.

Kapitel V: Die Rettung [1h17m]

Beim Erntefest wird Peter ein weiteres Mal von allen gehänselt. Überraschenderweise ist es Phil, der ihm zur Hilfe kommt. Er will (nun plötzlich) Freundschaft schließen und ihm zeigen, wie man ein Seil flicht. Wenn das Seil fertig werden soll, bis Peter wieder zur Uni geht, muss Phil sich beeilen. Rose betrachtet das Zwiegespräch der beiden mit großer Sorge. Rose pflanzt Blumen, als Phil Peter erneut zu sich ruft. Ihn der Scheune erlaubt er ihm, auf Bronco Henrys Sattel zu sitzen. Er schlägt ihm vor, gemeinsam ein paar Tage auszureiten. Rose bittet Peter um eine Unterredung. Ihr Zimmer ist ein Chaos, sie selbst vermutlich betrunken. Verzweifelt sucht sie Peters Nähe, doch die beiden sind sich nicht mehr so nah wie früher. Phil bringt Peter das Reiten bei. Peter reitet heimlich allein aus. Als er einen Tierkadaver findet, entnimmt er fachmännisch eine Probe. Rose erwacht, weil sie draußen Lärm hört. Doch sie kommt zu spät und kann nicht verhindern, dass Phil und Peter gemeinsam ausreiten. Phil und Peter jagen zum Spaß einen Hasen. Als das Tier sich dabei verletzt, fordert Phil Peter auf, es zu erlösen. Zu Phils Erstaunen zögert Peter keine Sekunde. Phil hat sich bei der Aktion an der Hand verletzt – Blut tropft auf die gelben Ähren. Phil und Peter reden: über Bronco Henry, Roses Alkoholsucht und den Selbstmord von Peters ebenfalls alkoholkrankem Vater.

Ein Indianer und sein Sohn kommen zur Farm und fragen nach Tierhäuten. Die ältere Magd schickt sie wieder weg. Als Rose erfährt, dass Phil die Häute lieber verbrennt als sie den Indianern zu geben, rennt Rose den Indianern hinterher und fleht sie an, die Häute zu nehmen. Der Indianer schenkt ihr im Gegenzug ein paar Handschuhe. Rose läuft damit zurück zum Haus – und kollabiert unterwegs. Als Phil nach Hause kommt und feststellt, dass die Häute nicht mehr da sind, flippt er aus. George entschuldigt sich für Roses Verhalten und hält die Sache damit für erledigt. Überraschend erklärt Peter, er habe noch eine Haut für Phil. Phil ist tief berührt und verspricht, von nun an werde für Peter alles einfacher werden. Was er nicht ahnt: Die Haut stammt von dem möglicherweise anthraxverseuchten Tierkadaver, den Peter bei seiner Exkursion seziert hat. In der Nacht flicht Phil das Seil. Peter beobachtet genau, wie er die Lederriemen mit seiner verletzten Hand in ein Wasserbad taucht. Phil erzählt, wie Bronco Henry ihm einst das Leben gerettet hat und die beiden Männer Seite an Seite die Nacht verbracht haben. „Nackt?“, fragt Peter provozierend und steckt Phil seine brennende Zigarette in den Mund. Am nächsten Morgen erscheint Phil nicht zum Frühstück. George findet ihn fiebrig im Bett. Die beiden fahren im Auto in die Stadt. Peter geht derweil nervös in seinem Zimmer auf und ab. George sucht für seinen toten Bruder einen Sarg aus. Bei der Beerdigung schenkt Phils Mutter Rose ihren Schmuck – ein Zeichen, dass sie nun zur Familie gehört. Der Arzt vermutet, Phil könne an Milzbrand gestorben sein. George wundert sich, sei Phil mit toten Tieren doch immer besonders vorsichtig gewesen.

Epilog

In der Bibel findet Peter folgenden Vers: „Deliver my soul from the sword; my darling from the power of the dog.” Das Seil, des Phil für ihn geflochten hat, lässt er – mit Schutzhandschuhen bekleidet – unter dem Bett verschwinden. Peter tritt zum Fenster und beobachtet, wie George und Rose im Auto von der Beerdigung nach Hause kommen und sich im Dunkeln küssen. Der Springbrunnen vor dem Haus führt noch immer kein Wasser. Peter wendet seinen Blick ab. Er lächelt zufrieden.

Der TITEL erscheint auf schwarzem Hintergrund: THE POWER OF THE DOG.

Ende.

Kommentar

Vom ersten Moment an erzeugt der Film Spannung, indem er eine Reihe von Fragen aufwirft: Wer ist der mysteriöse Ich-Erzähler? Vor welcher Gefahr muss er seine Mutter retten? Und warum besorgt ihn dabei die Frage, was von ihm als Mann erwartet wird? Tatsächlich enthält der einleitende kurze Monolog bereits Hinweise auf diejenigen drei Elemente, die laut William Archer und anderen die tragenden Säulen jeder dramatischen Erzählung sind, nämlich den Plot, die Charaktere und das Thema. Wir erfahren, dass es in der Geschichte um einen Sohn geht, Peter Gordon (Charakter), der seine Mutter retten (Plot) und sich dabei mit Fragen von Männlichkeit (Thema) auseinandersetzen muss. Es dauert nicht lange, bis klar wird, warum dieses Thema für unseren Protagonisten so wichtig ist: Peter ist nämlich homosexuell. Seine Mutter Rose scheint damit kein Problem zu haben, warum auch. Doch als sie den Rinderfarmer George Burbank heiratet, betreten sie und Peter eine Welt, in der Homophobie nicht länger die Ausnahme ist, sondern die Norm. Besonders deutlich kommt diese Haltung in der Figur des Antagonisten zum Ausdruck: Phil Burbank, Georges älterem Bruder und Roses neuem Schwager. Der zentrale Antagonismus des Films ist also nicht nur einer von Figuren mit unterschiedlichen Zielsetzungen, sondern auch mit unterschiedlichen Weltanschauungen. Dieses ideologische Zerwürfnis bildet die unsichtbare Grenzlinie, die die Welt der Geschichte in zwei klar voneinander getrennte Lager teilt und entlang derer sämtliche Figuren des Ensembles ihre je unterschiedliche Position beziehen. Dieses Verankertsein der Figuren in einer Storywelt, die thematisch und wertmäßig aufgeladen ist, verspricht nicht nur jede Menge Spannung, sondern trägt auch maßgeblich dazu bei, die Geschichte bedeutungsvoll und gesellschaftlich relevant erscheinen zu lassen. Es ist insofern keine Überraschung, dass „The Power of the Dog“ mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde, unter anderem dem Oscar für das beste adaptierte Drehbuch. Ich möchte für diese Art des Erzählens, der die Elemente Plot, Charakter und Thema zu einer Einheit verbindet, einen Ausdruck vorschlagen: Dreidimensionales Erzählen. Wenn Filmemacher wie Scorsese und Tarantino sich in der Vergangenheit negativ etwa über Marvel-Filme geäußert haben, dann ist es meiner Ansicht genau diese thematische Dimension, die sie vermissen und die in der Tat vielen Hollywood-Blockbustern abgeht. Doch nicht nur Hollywood-Filmen fehlt oftmals diese Dimension, sondern auch vielen Fernsehfilmen. Filme, deren Handlung nicht von einem Thema überformt wird, möchte ich ungeachtet ihres Budgets als „B-Filme“ oder „B-Movies“ bezeichnen, dreidimensionale Erzählungen wie „The Power of the Dog“ hingegen als „A-Filme“ oder „A-Movies“. In Anlehnung an die Begriffe „plot-driven“ und „character-driven“ könnte man von solchen dreidimensionalen Erzählungen auch als „theme-driven“ sprechen. Betrachten wir die Storywelt genauer, stellen wir fest, dass sie noch mit vielen weiteren Gegensatzpaaren ausgestattet ist, die alle etwa zur thematischen Vielfalt und Dreidimensionalität der Erzählung beitragen. Da wäre etwa der Gegensatz des Drinnen und des Draußen. Gleich in der ersten Szene sehen wir durch ein offenes Fenster, wie Phil in das Haus kommt, und dabei buchstäblich eine andere Welt betritt. Die burbanksche Farm wirkt dabei wie ein Monolith, ein Fremdkörper inmitten der endlosen Prärielandschaft. Das Innere des Hauses wirkt ein wenig zu herrschaftlich für einen Mann vom Schlage Phil Burbanks. Die dunklen Holzvertäfelungen, das Personal, der gedeckte Tisch, die Badewanne, die vornehme Stille – all das will nicht recht zu dem unrasierten, ungebadeten Cowboy Phil passen. Vielleicht deshalb zieht Phil sich immer wieder in den Stall und in sein Versteck in der Nähe des Flusses zurück, wenn er intime Momente oder einfach nur ein Gefühl der Geborgenheit erleben möchte. Interessanterweise scheint sich auch Rose in dem Haus nicht besonders wohlzufühlen. In ihrem Zimmer herrscht bald das reinste Chaos und ihre Sucht muss sie entweder im Schrank oder hinter dem Haus bei den Mülltonnen verstecken. Rose ist es auch, die eine persönliche Verbindung zu ihrem Personal sucht. Doch in der Küche bei den Mägden sorgt sie für verlegenes Schweigen. Hier wird ein letztlich unüberwindbarer Klassenunterschied deutlich. Eine der Mägde taucht später auch nochmal als Tennis-Schiedsrichterin auf, ohne dass erklärt wird, wie es dazu kam. Thematisch aufgeladen ist auch die Begegnung zwischen Rose und den Indianern. Es scheint, als wolle Rose irgendeine Schuld wiedergutmachen, als sie den Indianern hinterherläuft und sie bittet, ihre Häute anzunehmen. Im Gegenzug erhält sie dafür ein paar reich verzierte Lederhandschuhe. Es sind allerdings nicht dieselben, mit denen Peter am Ende das anthrax-verseuchte Seil unter dem Bett entsorgt. Sowohl Rose als auch Phil sind musikalisch. Beide mögen es populär. Doch während Rose den Radetzky-Marsch auf einem Konzertflügel einstudiert, zupft Phil ihn lieber auf einem einfachen Banjo. Klingt Roses Version unbeholfen, klingt die von Phil bedrohlich wie das Kreisen eines Geiers über seiner Beute. Interessant auch, welche Fortbewegungsmittel die Figuren jeweils bevorzugen. Phils bevorzugtes Vehikel ist das Pferd. Vielleicht weil er damit Erinnerungen an seinen Mentor Bronco Henry verbindet. George und Rose hingegen sehen wir eher im Automobil oder in einer eleganten Pferdekutsche. Das Automobil erlaubt es, genauso wie der Zug, in dem Georges Eltern eintreffen, große Distanzen zu überwinden. Die gestiegene Mobilität erlaubt es den Eltern, sich für ein Leben in der Stadt zu entscheiden und der vielleicht auch geistigen Enge ihrer Farm zu entkommen. Ein wichtiger Gegensatz besteht also auch zwischen Stadt und Land. Und schließlich trennt bzw. verbindet auch Bildung die Figuren. Peter etwa sucht Rat nicht nur in Medizinbüchern, sondern auch in der Bibel. Phil hingegen steht Bildung sehr viel feindseliger gegenüber. Der Grund dafür scheint in der Vorgeschichte der beiden Brüder zu liegen und mit Georges Entscheidung zusammenzuhängen, das College zu besuchen. Phil, so scheint es, fühlt sich von seinem Bruder deswegen verraten. All diese Gegensätze lassen die Erzählung reicher erscheinen, wenn auch nicht unbedingt eindeutiger. Kann es sein, dass „The Power of the Dogs“ sich an einer ganzen Reihe von Themen abarbeitet? Oder verbindet all diese Themen ein gemeinsamer Nenner, ein „Deep Theme“, wie es etwa der Literaturwissenschaftler Lawrence Michael O’Toole für Arthur Conan Doyles „Sherlock-Holmes“-Geschichten vorgeschlagen hat? Ich möchte diese Frage hier zur Diskussion stellen und lediglich sagen, dass sich meine ursprünglich strikte Haltung dazu in der letzten Zeit ein wenig aufgeweicht hat. Bemerkenswert finde ich, dass das Thema nicht nur in der Storywelt bzw. den Figuren und ihren Werten und Überzeugungen zum Ausdruck kommt, sondern auch im Plot selbst. Das deckt sich mit einer Beobachtung, die Claude Bremond, Joshua Landy und Thomas Pavel bereits 1995 in ihrem Buch „Thematics: New Approaches“ gemacht haben. Dort heißt es in der Einleitung: „Form, after all, is saturated with thematic implications; structures […] can function as themes: behind and apparently exclusive devotion to design may lie an implicitly thematic reading…” Hinter dieser komplizierten Ausdrucksweise steckt möglicherweise die simple Erkenntnis, dass Plots durchaus für sich selbst sprechen können. „The Power of the Dog“ hat einen solchen sprechenden Plot: Was genau es bedeutet, dass ein schwuler Sohn den einzigen anderen schwulen Mann in der Geschichte tötet, um so seine Mutter zu rächen oder eben zu „retten“, wie er selbst sagt, das sei dahingestellt. Dass ihm ein Bibel-Zitat als Rechtfertigung dient, auch das wirft mehr Fragen auf, als es beantwortet. Vielleicht soll das zeigen, wie tief die Gewalt in unserer Gesellschaft verankert ist. Und wie auch eine Figur, die nicht dem klassischen Bild von Männlichkeit entspricht, letztlich das Zeug zum Täter hat. Das glücklich vereinte heterosexuelle Paar am Ende und Peters zufriedenes Lächeln dürften für die meisten Zuschauer*innen jedenfalls ein Happyend bedeuten. Wenn nur der ausgetrocknete Springbrunnen nicht wäre.

Votum

Empfohlen

Links

Ressourcen

Thematics: New Approaches
Claude Bremond (Ed.), Joshua Landy (Ed.), Thomas Pavel (Ed.)
1994
The Return of Thematic Criticism
Werner Sollors (Edited by)
1993
Bestellen
On Film-Making: An Introduction to the Craft of the Director
Alexander Mackendrick
2004
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