Wie schreibt man ein Sequel für “Der Weiße Hai”, ohne dass ein Trashfilm dabei herauskommt?

Ein weiteres Gedanken-Experiment: Wollen wir für einen Augenblick annehmen, Sie seien als Autor*in für ein Sequel von “Der Weiße Hai” (im Original: “Jaws”), dem Spielberg-Klassiker aus dem Jahr 1975, angeheuert worden. Für die meisten von uns kein sehr realistisches Szenario, zugegeben. Doch es handelt sich um einen gut bezahlten Job, fragen Sie also nicht zuviel.

Wie gehen Sie mit der Aufgabe um? Wenn Sie es wie ich machen, lassen Sie sich erstmal auf Ihr Sofa fallen. Jemand hatten Ihnen gerade einen Vorwand geliefert, zum gefühlt fünfundzwanzigsten Mal den “Weißen Hai” anzuschauen. Zögern Sie nicht, genießen Sie!

Danach wäre es vielleicht an der Zeit, ein wenig zu recherchieren. Gab es da nicht noch ein paar andere Filme mit bösartigen Haien? Eine Internet-Recherche ist sicher nicht verkehrt.

Hier kommt die gute Nachricht: Ich habe Ihnen diese Arbeit bereits abgenommen. Am Ende dieses Artikels finden Sie eine von mir erstellte Liste mit insgesamt 100-Hai-Filmen. Darunter die vier offiziellen Teile der “Jaws”-Franchise. Ein paar Dokus, in denen Haie eine Rolle spielen. Ein paar Spielfilme mit Haien, die älter sind als “Der Weiße Hai”. Und der ganze Rest: Rip-offs, Plagiate und mehr oder weniger dreiste Kopien des Originals.

Lassen wir uns zunächst von ein paar besonders kuriosen Mutationen inspirieren:

“Grizzly”, nur ein Jahr nach dem “Weißen Hai” entstanden, war einer der ersten Filme, die versuchten, aus dem Hai-Hype Kapital zu schlagen. Ja sicher, die Geschichte eines Bären, der die Gäste eines Nationalparks terrorisiert, ist strenggenommen kein Hai-Film. Aber wozu bräuchte man denn noch eine Marketing-Abteilung, wenn alles immer so einfach wäre:

Die Tagline: “The most dangerous jaws on land” dürfte freilich die beste Zeile des gesamten Films gewesen sein. Und das, obwohl Regisseur William Girdler bereits Erfahrung im Blockbuster-Recycling besaß: Zwei Jahre zuvor führte er bei “Abby” Regie, einer Blaxploitation-Variante von THE EXORCIST. Der Ideen-Klau war derart offensichtlich, dass die Produktionsfirma “American International Pictures” erfolgreich von Warner Bros. verklagt wurde und der Film jahrelang buchstäblich von der Bildfläche verschwand.

“Grizzly” hingegen war immerhin so erfolgreich, dass 1983 noch ein Remake (des Rip-offs!) entstand. Wegen technischer Probleme mit der Monster-Attrappe konnte es jedoch nie fertiggestellt werden und lief lediglich als Rohschnitt – ohne den Grizzly!

Halten wir fest, was wir bisher gelernt haben: Ein Remake von “Der Weiße Hai” kann zur Not auch ohne Hai. Ein paar kräftige Kiefer und einen fähigen Werbetexter vorausgesetzt.

Doch kann ein “Jaws”-Remake auch völlig ohne Tiere auskommen? “Jaws goes vegan”, sozusagen. Über diese Frage zerbrachen sich auch die beiden Autoren Jeffrey Bloom und Steven Nalevansky die Köpfe. Ihre Antwort war der Film “Blood Beach – Horror am Strand” aus dem Jahr 1980, der wohl einzige Horrorfilm, der jemals über Treibsand gedreht wurde. Ob man die Idee wirklich für originell hielt oder ob während der Dreharbeiten nur das Budget gekürzt wurde, kann an dieser Stelle nicht abschließend beantwortet werden. Die Karriere der beiden Filmemacher verlief sich im Anschluss an diesen Film jedenfalls im wahrsten Sinne des Wortes im Sande.

Diese und viele andere Nachahmer bewegen sich nicht nur inhaltlich, sondern auch hinsichtlich ihrer Qualität weit unterhalb der Meeresoberfläche. Nichtsdestotrotz macht es, nicht nur filmhistorisch, durchaus Sinn, sich mit Ihnen zu beschäftigen. Denn wir schulen auf diese Weise unsere Fähigkeit, Muster zu erkennen. Das, was wir gemeinhin Intuition nennen, ist letztlich nichts anderes, als diese Fähigkeit der Mustererkennung. Hirnforscher und Psychologen wie der Nobelpreisträger Daniel Kahnemann haben inzwischen betätigt: Intuition ist weniger Neuschöpfung, als Erinnerung, als Wiedererkennung. Deswegen ist es auch so unwahrscheinlich, dass eine gute Filmidee von jemandem kommt, der sich in der Filmgeschichte nur schlecht oder gar nicht auskennt. Wer kreativ sein will, braucht dazu Daten. Viele Daten!

Keine Sorge, ich verlange nicht von Ihnen, dass Sie zuerst alle 100 Filme auf meiner Liste abarbeiten, bevor sie selbst anfangen, kreativ zu werden. Wichtig ist mir nur der Hinweis, dass unsere Kreativität angefüttert sein will. Es ist schwierig, etwas Neues zu schaffen, wenn wir das Alte nicht kennen. Deswegen studieren wir die alten Meister. Deswegen brechen wir die Regeln erst, nachdem wir sie gelernt haben.

Sequels sind eine wunderbare Art, sich diesen vielleicht wichtigsten Grundsatz des Geschichtenerzählens vor Augen zu führen. Denn was für Sequels gilt, gilt letztlich auch für jede andere Geschichte. Geschichten sind keine einzigartigen Phänomene, die man losgelöst betrachten könnte. Geschichten sind Teil einer Schar. Sie sind ein Weg unter tausend möglichen Wegen. Manchmal kommt dabei etwas wie “Der Weiße Hai” heraus: ein Meisterwerk, das selbst zu einem Masterplot wird. Viel häufiger aber ist das Ergebnis Trash, ein rasch versiegender Nebenfluss der Evolution. Manchmal müssen wir einen Weg erst gehen, um zu wissen, wo er endet. Aber es ist nichts verkehrt daran, eine Weile lang einem ausgetretenen Pfad zu folgen, dem zuvor schon andere gefolgt sind. Manchmal führt uns das schneller ans Ziel, als wenn wir von Anfang an nur stur unseren eigenen Weg gehen.

Meine eigene Variante des Hai-Motivs trägt übrigens den Titel: “Cows of Death – Killerkühe aus dem Allgäu” und handelt von einer Herde von Milchkühen, die sich, nachdem sie mit genetisch manipulierten Futter gefüttert wurden, in blutrünstige Bestien verwandeln.

Was ist ihre Idee für ein “Jaws”-Sequel? Welche Variante gab es noch nicht? Was ließe sich über den uralten Kampf Mensch vs. Monster noch Neues erzählen? Über welche “creature” gibt es noch kein “feature”?

Und dann fragen Sie sich: Wie lässt sich das Prinzip Variation auf meine eigene Geschichte übertragen? Von welcher Geschichte ist ihre Geschichte eine Variation? Von welchem Film ist ihr Film ein Sequel? Denn eines steht fest: Ein Sequel ist es auf jeden Fall.

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