When Harry Met Sally… AGAIN!

Where Harry Met Sally: Katz' Deli , New York

Auch diese Woche erhalten wir von unserem imaginären Produzenten wieder den Auftrag, eine Fortsetzung zu schreiben, diesmal für den Film “When Harry Met Sally” von Nora Ephron und Rob Reiner aus dem Jahr 1989.

“When Harry Met Sally” ist eine Romantic Comedy, die Geschichte einer Liebe mit Hindernissen. In der IMDB findet sich folgende Kurzbeschreibung:

“Harry and Sally have known each other for years, and are very good friends, but they fear sex would ruin their friendship.”

Nun, dass ist eine von diesen user-generierten Loglines, mit denen wir wenig anfangen können. Versuchen wir es besser zu machen:

“When Harry Met Sally” erzählt die Geschichte einer lebensverändernden Begegnung zwischen Harry Burns und Sally Albright, die 15 Jahre und jede Menge Fehltritte brauchen, bis sie schließlich einen Weg finden, miteinander befreundet zu sein, “ohne dass der Sex dazwischen kommt”.

Man könnte es vielleicht auch einfacher sagen:

Harry und Sally sind füreinander geschaffen, brauchen aber 15 Jahre, um es zu merken.

Geschichten wie diese, Geschichten vom Typ: “Boy meets girl, but…” haben wir alle schon Dutzende, wenn nicht hunderte Male gehört und gesehen. Warum hält die Begeisterung dafür unverändert an? Warum werden die meisten von uns nicht müde, solche Geschichten erzählt zu bekommen?

“Und die Moral von der Geschicht’…”

Ich denke, das hat etwas damit zu tun, was man in alten Zeiten “die Moral von der Geschichte” genannt hat. Jede Geschichte kommt, ob sie es will oder nicht, mit einer Art Moral im Gepäck daher. Sie mag uns Heutigen, die wir Moral eher für etwas Altmodisches halten, wie ein Abfallprodukt erscheinen, eine unerwünschte Nebenwirkung. Doch tatsächlich glaube ich, dass sie, damals wie heute, der Grund ist, warum wir überhaupt Geschichten erzählen.

Geschichten transportieren Werte. Es sind die gemeinschaftlich geteilten Glaubenssätze einer Gesellschaft oder Gruppe und sie verlangen fortwährend nach Validierung. Es genügt nicht, dass zwei Menschen, die sich lieben, sich nur ein einziges Mal ihre Liebe bekunden und danach nie wieder. Es braucht diese Liebesbekundungen untentwegt, immer wieder neu, in Worten und in Taten. Es ist die Kraft der Wiederholung, die manche Dinge erst wahr werden lässt.

“When Harry Met Sally” erzählt im Kern von der Möglichkeit einer tiefen menschlichen Verbindung und damit von der Sinnhaftigkeit unseres Daseins. Implizit wird eine Art höhere Ordnung angedeute: die Macht der Vorsehung, die unsere Wege in schicksalhafter Weise vorherbestimmt hat. “When Harry Met Sally” stillt ein menschliches Grundbedürfnis: das Bedürfnis nach Sicherheit. In anderen Liebesgeschichten mag das Moment der Erregung im Vordergrund stehen, in wieder anderen das der Autonomie. In “When Harry Met Sally” ist es die Sicherheit.

Ist diese Deutung übertrieben? Ich denke: nein. Stellen Sie sich nur vor, es gäbe keine Romantic Comedies. Keine Liebesgeschichten. Nicht eine. Nur Geschichten, die vom Zufall handeln. Von nichtssagenden Begegnungen ohne Bedeutung und ohne Konsequenz. Das wäre eine andere Welt und vermutlich keine sehr schöne.

Ich sage nicht, dass wir auf kitschige Liebesschnulzen nicht verzichten können, genauso wie auf Stereotype und auf ultra-konservative Rollenklischees. Aber bedeutungsvolle menschliche Verbindungen, die möchte doch wohl niemand missen.

Eine Serie von Meeting Scenes

Werfen wir als Nächstes einen Blick auf die Struktur von “When Harry und Sally”.

Ungewöhnlich für eine Romantic Comedy besteht die erste Hälfte von “When Harry und Sally” aus nicht viel mehr, als einer Reihe von Meeting Scenes:

Bei ihrer ersten Begegnung finden Harry und Sally nicht zueinander, weil Harry die krude These vertritt, Männer und Frauen könnten nicht befreundet sein, weil immer der Sex dazwischenkommt. Also trennen sich ihre Wege wieder, kaum dass sie sich gekreuzt haben.

Bei ihrer zweiten Begegnung sind sowohl Harry als auch Sally mit anderen Partnern verlobt. Das führt zwar zu einer Erweiterung von Harrys Regel, die aber letztlich dieselbe Konsequenz hat: Männer und Frauen können nicht befreundet sein.

Bei ihrer dritten Begegnung haben sowohl Harry als auch Sally sich von ihren Partnern getrennt. Der Schmerz verbindet sie und sorgt dafür, dass sie – entgegen Harrys Regel – beschliessen, Freunde zu werden.

Sie tun, was Freunde eben so tun. Sie lecken sich gegenseitig ihre Wunden. Bestätigen sich gegenseitig in ihrem Schmerz und, zumindest eine Zeitlang, in ihrer Unlust, ernsthaft etwas dagegen zu unternehmen.

Doch es kommt wie es kommen muss: Eines Tages landen Harry und Sally im Bett. Und mit der Morgensonne dämmert den beiden auch die unerbittliche Wahrheit von Harrys Regel, die sie für einen Augenblick vergessen haben: Männer und Frauen können nicht befreundet. Der Sex, die eine Nacht, hat alles zerstört.

Tod und Wiedergeburt

Es gibt kein Zurück mehr. Was bleibt Harry und Sally noch, nun da Freundschaft keine Option mehr darstellt?

Wenn es nach Sally ginge: überhaupt nichts.

Harry hingegen, zurückgeworfen auf sich selbst und seine einsame Existenz, kommt ins Grübeln und findet zu einem Moment kolossaler Selbsterkenntnis: Sally ist die Frau, die er liebt, vielleicht all die Jahre geliebt hat. Sex und Freundschaft sind plötzlich null und nichtig, denn die Liebe transzendiert die Gegensätze und hebt die Geschichte auf ein neues, höheres Level. Harry ist gestorben. Hatte seinen toten Punkt. Ist auferstanden von den Toten. Und darf sich nun wie neugeboren fühlen.

Wie Harry im großen Finale durch die Straßen New Yorks rennt und auf der Silvesterparty versucht, bei Sally Überzeugungsarbeit zu leisten, ist für meinen Geschmack der schwächste, weil am wenigsten komische und dafür rührseligste und konventionellste Teil dieser ansonsten so großartig erzählten Geschichte.

Der Ironie am Ende tut das dennoch keinen Abbruch: Harry und Sally heiraten. In einer Doku erzählen sie als eines von vielen Paaren, wie sie sich kennengelernt haben. Sie sind jetzt verheiratet. Sie “dürfen” also ganz offiziell Sex haben. Doch wie ist ihre Beziehung beschaffen, nun da sie verheiratet sind? Wie die in den meisten guten Ehen: Harry und Sally sind Freunde.

Wie in vielen Komödien wird der Erfolg am Ende mit den falschen Mitteln erzielt und das Wahre liegt im Falschen. Harrys Regel wurde nicht wiederlegt, eher ausgehölt, auf subversive Weise untergraben und ad absurdum geführt. Harry wurde gewissermaßen mit seinen eigenen Waffen geschlagen.

Doch kehren wir zurück zu der Frage, wie sich eine solche Geschichte variieren lässt? Grundsätzlich, indem wir verstehen, was sie im Kern ausmacht. Was ist die eine Sache, die wir nicht weglassen können? Worum geht es in der Geschichte? Ich meine: Worum geht es wirklich? Was ist das Hauptereignis, um das sich alles dreht?

Wie wir gesehen haben, ist der Spielraum für Interpretation nicht unerheblich, selbst bei einer vermeintlich so einfachen Geschichte wie “When Harry Met Sally”. Eine Geschichte wie “When Harry Met Sally” lässt sich auf vielerlei Art beschreiben. Meine Zusammenfassung der Ereignisse wird sicher nicht bei jedermann auf Zustimmung stoßen. Es ist eben nur, was ich darin sehen. Jemand anders sieht darin vielleicht etwas völlig anderes. Genau aus diesem Grund ist Dramaturgie eben auch keine exakte Wissenschaft, sondern in sich selbst eine kreative Gedanken-Leistung.

Harrys Regel

Ich würde vorschlagen, dass wir die Geschichte nachträglich in “Harrys Regel” umtaufen.

Es ist die Geschichte eines Mannes, der nach einem festen Credo lebt, einer goldenen Regel: “Männer und Frauen können nicht befreudet sein, weil immer der Sex dazwischenkommt.” Als er sein bedeutendes Gegenüber Soundso kennenlernt, scheint sich diese Regel zunächst zu bestätigen, doch dann…”

Wie soviele Komödien ist auch “When Harry Met Sally” eine Komödie der Irrungen.

Harry Burns ist der Protagonist. Es ist seine Verwirrung, die das Chaos befeuert. Es ist seine Einsicht und seine Überzeugungskraft, die am Ende dafür sorgen, dass die Dinge wieder ins Lot kommen.

“When Harry Met Sally” erzählt die Geschichte eines Mannes, der durch eine schicksalhafte Begegnung von einem für ihn fatalen Irrglauben geheilt wird.

In einem Sequel versuchen wir normalerweise, die Ereignis-Logik (die “Dramaturgie”) des ersten Teils so weit wie möglich zu rekonstruieren. Zu Beginn des ersten Teils waren Harry und Sally getrennt, am Ende waren sie ein verheiratetes Paar. Wollten wir das für unseren imaginären zweiten Teil wiederholen, mit Harry und Sally als unseren Protagonisten, dann müssten wir die beiden also so schnell wie möglich wieder trennen.

Scheidung!

Und dann hieße es: “When Harry Met Sally… AGAIN!”

Die Abfolge wäre haargenau dieselbe: Meeting Scene 1. Meeting Scene 2. Meeting Scene 3. Freundschaft. Trennung. Tod und Wiedergeburt. Liebe. Hochzeit. Als Autor*innnen hätten wir vermutlich wenig Grund, etwas an diesem bewährten Konzept zu ändern. Im Gegenteil, der Wiedererkennungswert, der sich dadurch beim Publikum einstellt, steigert vermutlich sogar noch die Attraktivität, denn wir können uns als Zuschauer in Sicherheit wiegen und wissen, dass wir dem Erzähler voll und ganz vertrauen können.

Ein Problem bei dieser Variante wäre natürlich die Zeit. Wann soll diese Geschichte spielen? In den frühen 90ern? Also eine von diesen Retro-Komödien?

Wenn die Geschichte hingegen im Hier und Jetzt spielen soll, dann wären Harry und Sally um 30 Jahre gealtert. Die Zielgruppe wäre dann auf jeden Fall eine andere.

Vielleicht könnte unser Sequel ja auch von den Kindern von Harry und Sally handeln:

Harrys und Sallys Sohn vertritt ähnlich krude Ansichten wie sein Vater vor 30 Jahren, doch dann…

Ich möchte meine Ausführungen an dieser Stelle beenden und den Rest Ihrer hoffentlich ein wenig angeregten Fantasie überlassen. Mein kleines Gedanken-Experiment mag Ihnen vielleicht nur wie eine Fingerübung vorgekommen sein und noch dazu eine, die mit der Arbeits-Realität deutscher Autor*innen wenig zu tun hat.

Doch egal woran sie gerade schreiben, ob Sequel oder nicht, letztlich ist auch Ihre Geschichte eine Variation. Und es wird vieles einfacher, wenn wir das nicht als Makel erachten, sondern als Chance. Denn wie sagte schon Isaac Newton: “Wenn ich weiter geblickt habe, so deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesen stehe.”

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