Unschuldige Verdächtigungen eines weltfremden Teenagers, oder: Warum Hollywood immer wieder dieselben Geschichten erzählt

Das erste Mal, dass ich über Geschichten nachdachte, war kurz vor Weihnachten 1990. Ich war damals 16. Zusammen mit ein paar Freunden sah ich den Film PRESUMED INNOCENT/AUS MANGEL AN BEWEISEN mit Harrison Ford in der Hauptrolle. Die Geschichte handelt von einem Mann, der zu Unrecht beschuldigt wird, einen Mord begangen zu haben. Nicht die alleroriginellste Prämisse, selbst für 90er-Jahre-Standards.

Das Drehbuch stammt von Frank Pierson (1927-2012), dreifach nominiert und 1976 schließlich mit dem Oscar für das beste Original-Drehbuch ausgezeichnet für DOG DAY AFTERNOON/HUNDSTAGE. Pierson war von 1981 bis 1983 sowie von 1993 bis 1995 Präsident der Writers Guild of America und von 2001 bis 2005 Präsident der Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS), die jährlich die Oscars vergibt.

Pierson versteht es zweifellos, der altbekannten Geschichte zumindest Überraschendes abzugewinnen und unter der Regie von Altmeister Alan J. Pakula (ALL THE PRESIDENT’S MEN/DIE UNBESTECHLICHEN) entsteht so ein durchaus sehenswerter und bis zum Schluss spannender Thriller. Jedenfalls war das meine Meinung.

Während sich meine Freunde nach Verlassen des Kinos schnell anderen Attraktionen zuwandten, die mit Alkoholkonsum und Pubertät in Verbindung stehen, war mein Fokus noch für einige Zeit auf die Kinoleinwand gerichtet. Besonders ein Gedanke lies mich nicht los, und zwar der, weswegen ich diesen Film hier überhaupt erwähne: Vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben fragte ich mich, warum Hollywood immer und immer wieder dieselben Geschichten erzählt.

Im Kopf fertigte ich eine kurze Liste an:

  • Da waren Thriller wie PRESUMED INNOCENT, die sich um Verbrechen, meistens schwere Verbrechen, drehten. Es gab sie aus Sicht des Opfers, aus Sicht des Täters oder aus Sicht eines Ermittlers: entweder eines Polizisten oder eines Privatdetektivs.
  • Kriminalgeschichten gab es aber auch in Form von Komödien wie BEVERLY HILLS COP, ARIZONA JUNIOR, THE NAKED GUN/DIE NACKTE KANONE oder A FISH CALLED WANDA/EIN FISCH NAMENS WANDA, wo eher der unkonventionelle Ermittler oder der allzumenschliche Verbrecher und das durch ihn verursachte Chaos im Mittelpunkt des Geschehens standen.
  • Bei längerem Nachdenken viel mir auf, dass es praktisch kein Genre gab, in dem Verbrechen nicht stattfand. Von der Jagd auf historische Verbrecher wie Al Capone in THE UNTOUCHABLES/DIE UNBESTECHLICHEN bis zur Jagd auf zukünftige Verbrecher in ROBOCOP: Verbrechen schien keinerlei Konjunktur unterworfen – es hatte immer Hochkonjunktur.

Mit 16 Jahren war meine filmische Selbsterziehung noch nicht sehr weit fortgeschritten. Dennoch fielen mir auf Anhieb noch ein knappes Dutzend weiterer Sujets ein, von denen Filmemacher in Hollywood mindestens ebenso besessen schienen, wie vom Thema Kriminalität. Es waren dies:

  • Liebe, Sex und Beziehungen (WHEN HARRY MET SALLY/HARRY UND SALLY; SEX, LIES AND VIDEOTAPE/SEX, LÜGEN UND VIDEO)
  • das Böse (in der Regel verkörpert durch Monster, Aliens, Serienkiller, russische Spione oder Börsenmakler)
  • Krieg (PLATOON, FULL METAL JACKET, BORN ON THE FOURTH OF JULY/GEBOREN AM 4. JULI)
  • die Zukunft (BLADE RUNNER, TERMINATOR, BRAZIL)
  • Krankheit und Tod (RAIN MAN)
  • Superhelden (BATMAN)
  • Wahrheit
  • Gerechtigkeit

Mir war klar, dass es da noch andere Arten von Geschichten gab. Filme wie RAGING BULL oder AMADEUS, die sich nicht auf Anhieb in ein Raster einordnen ließen. Meine Schätzung ergab, dass es vielleicht 10 oder 15 Geschichten geben musste, an denen sich Hollywood anscheinend nicht satterzählen kann.

Damals versetzte mich dieses vermeintlich kümmerliche Arsenal in stundenlange Konsterniertheit. Warum nur diese Besessenheit? Warum diese freiwillige Verknappung menschlicher Erfahrung auf eine Handvoll Stereotype? Ich war 16: Ich konnte schlaue Fragen stellen, aber noch keine schlauen Antworten geben. Und um dahinter lediglich kommerzielle Erwägungen zu vermuten, war ich viel zu naiv.

Gewiss, wenn ich heute diese Aufzählung betrachte, scheint sie mir gar nicht mehr so kümmerlich wie damals. Ich möchte behaupten: Es ist schon eine ziemlich vollständige Liste menschlicher Erfahrung. Wäre der 16-Jährige, der sie erstellt hat, nicht ich selbst, würde ich mich wohl davon beeindruckt zeigen. Es stimmt: Menschen kreisen immer wieder um dieselben Themen. Menschen erzählen sich immer wieder dieselben Geschichten. Hollywood hat das bloß erkannt und schlägt daraus Kapital.

Einige Jahre später stieß ich auf das Buch 20 MASTER PLOTS AND HOW TO BUILD THEM von Ronald B. Tobias und hatte zum ersten Mal das Gefühl, eine Landkarte aller möglichen Geschichten in der Hand zu halten. Die Begeisterung ebbte schnell wieder ab, als mir klar wurde, dass der praktische Nutzen dieses Werk nicht sehr hoch war. So wenig wie der anderer Masterplot-Theoretiker wie Christopher Booker (THE SEVEN BASIC PLOTS) oder Blake Snyder (SAVE THE CAT!). Nichtsdestotrotz fasziniert mich die Idee der Masterplots bis heute und ich hoffe, irgendwann eine eigene Variante dieser Theorie vorlegen zu können, die nicht nur von theoretischem Interesse ist.

Manchmal zweifle ich daran, ob Geschichten unser Leben wirklich besser machen. Geschichten scheinen ein Automatismus unseres Gehirns zu sein, denn wir nicht abschalten können, selbst wenn wir es wollten. Dieser Automatismus hilft uns, Situationen blitzschnell zu erfassen. Aber er hindert uns auch, offen und vorurteilsfrei zu bleiben, wenn es nötig wäre.

Wer sich schon einmal mit Meditation beschäftigt hat, kennt vielleicht die zen-gleiche Aufforderung, unsere Geschichten fallenzulassen. Die Meditationsmeister scheinen zu glauben, dass das, was uns vom Erkennen der Wahrheit abhält, unsere Konzepte sind, die Art wie wir wahrnehmen, mit anderen Worten: unsere Geschichten.

Interessanterweise spielen Geschichten in allen Religionen (und nicht nur dort) eine zentrale Rolle. Geschichten scheinen uns manchmal daran zu hindern, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Auf der anderen heißt es in den buddhistischen Lehren: Geschichten sind wie Boote, die uns ans andere Ufer bringen – sind wir erst dort angelangt, können wir sie zurücklassen.

Anders ausgedrückt: Geschichten sind Mittel zum Zweck. Und dieser Zweck heißt: Kommunikation. Geschichten sind nicht die Wahrheit selbst, höchstens der Weg dorthin. Man kann nicht nicht kommunizieren. Als Autor*innen sollten wir uns dessen bewusst sein. Und verstehen lernen, was wir erzählen, wenn wir etwas erzählen.

An jenem Abend im Winter 1990 wurde ich irgendwann aus meinen Überlegungen herausgerissen und stimmte schließlich in die Unterhaltung meiner Freunde mit ein, die sich noch immer um die körperlichen Vorzüge unserer diversen Klassenkameradinnen drehte, die mir zu jener Zeit sehr viel begehrenswerter und doch so viel unerreichbarer erschienen als die Menschen meiner Fantasie.

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