Schnitzeljagd mit Leichen: Christian Alvarts “Abgeschnitten” im Kino

Ein Genrefilm aus Deutschland, der keine Arztserie, kein Krimi und kein Heimatfilm ist, so was sieht man wahrlich nicht alle Tage. “Abgeschnitten” ist ein Thriller mit ein paar ekligen Elementen, der gelegentlich die Grenze zum “Torture Porn” überschreitet. Das Drehbuch geschrieben hat “Genre-Auteur” Christian Alvart, der auch Regie führte sowie als Produzent und B-Cam-Operator in Erscheinung tritt. Für die Romanvorlage verließ sich Bestseller-Autor Sebastian Fitzek auf die fachkundige Expertise von Rechtsmediziner Michael Tsokos von der Berliner Charité. Das Ergebnis überzeugt insofern, als der Film über weite Strecken einem (wenn auch überlangen) Lehrvideo für angehende Pathologen gleicht. Von der Kamera weiß vor allem Jasna Fritzi Bauer als Moritz Bleibtreus Helgoland-Avatar zu überzeugen, wohingegen Lars Eidinger zwar eifrig diabolisch lächelt, aber seinem erschreckend eindimensionalen Charakter ansonsten nicht viel abgewinnen kann. Enno Hesse als mal komischer, mal undurchsichtiger Chauffeur und Fahri Yardim als wenig obduktions-affiner Facility Manager erhöhen durchaus den Unterhaltungswert und Moritz Bleibtreu beweist Charisma, obwohl er die meiste Zeit nur telefonieren darf. Das Drehbuch enttäuscht hingegen auf ganzer Linie. “Schnitzeljagd mit Leichen” könnte man wohl das Konzept nennen, bei dem ein wahnsinniger Killer mit einem Berliner Pathologen ein teuflisches Spiel spielt. Daran ist im Grunde nichts verkehrt, außer dass bei einer solch abgerockten Prämisse die Klischee-Gefahr besonders groß ist und es schon einigen Einfallsreichtum braucht, um sie frisch und unverbraucht wirken zu lassen. Man weiß nicht, ob man Fitzek oder Alvart dafür verantwortlich machen soll, dass dies überhaupt nicht gelingt. Zwar erreicht das Skript eine hohe Dichte an genre-typischen Suspense-Szenen, doch die Figuren kommen zu keiner Zeit über den Status von reinen Funktionsträgern hinaus. Gelinde gesagt befremdlich wirkt die Entscheidung, den zu Beginn als höchst gefährlich eingeführten Stalker-Exfreund dann doch nur zu einem Ablenkungsmanöver kleinzuzüchten, anstatt ihn zu einem vollumfänglichen Antagonisten auszubauen. Und auch die vielen Erklärbär-Dialoge sorgen nicht gerade dafür, dass wir uns als Zuschauende ernst genommen fühlen. Muss mir die von Bauer gespielte Comic-Zeichnerin Linda wirklich noch sagen, dass sie beim Leichenfiletieren erstmals seit langer Zeit ihre Angst vergessen hat? Und habe ich nicht längst erraten, dass mit dem “Licht von Alcatraz” ein Leuchtturm gemeint ist, bis endlich irgendjemand kommt und es ausspricht? Formelhaft und vorhersehbar steuert die Handlung so auf ein unnötig spätes Finale zu. Unnötig, weil es dem Film von Anfang an nicht gelingt, Interesse am Schicksal seiner Figuren zu wecken. Und das ist ein derart elementares Versäumnis, dass man den Film wirklich nur eingefleischten Genrefilm-Sympathisanten ans Herz legen kann. Und vielleicht noch Rechtsmedizinern und -medizinerinnen in spe, die es unterhaltsam finden, wenn ein Serienkiller mit einer Geflügelschere sich daran aufgeilt, seinem weiblichen Opfer mit Genitalverstümmelung zu drohen. Das muss anders und nicht erst seit heute. Ich hätte mir gewünscht, dass “Abgeschnitten” ein besserer Film geworden wäre, denn Christian Alvart haftet ja durchaus immer noch der Ruf an, so etwas wie eine Lichtgestalt des hiesigen Genrekinos zu sein. Langsam wird es Zeit, dass er seinem Ruf gerecht wird.

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