Mit diesen 7 Fragen meisterst Du deine Geschichte

Dramaturgie ist die Sprache, in der wir uns über Geschichten unterhalten. Verarmt diese Sprache, verarmt auch unsere Erzählkultur. Dramaturgie ist keine Wissenschaft, sie ist ein kreatives Spiel mit Mustern und Formen – und sie ist in demselben Maße auf frische Ideen angewiesen, wie das Erzählen selbst.

Dieses gilt umso mehr in einer Zeit, in der Netflix, Amazon & Co. den deutschen TV-Markt im Sturm erobern und sich deutschsprachige Autor*innen ein neuer Markt auftut. Was bis vor kurzem noch Utopie war, ist plötzlich Realität: die deutsche Drama-Serie. YOU ARE WANTED (Amazon), DARK (Netflix) und 4 BLOCKS (TNT Serie) bilden den Anfang. Aber wie schreibt man eigentlich Geschichten, die sich über fünf oder mehr Staffeln erstrecken?

Drehbuch-Guru Robert McKee gab einen Hinweis, als er von Serien wie BREAKING BAD, MAD MEN oder HOUSE OF CARDS als “100-Stunden-Drama” sprach. Das klingt einschüchternd: Die meisten von uns tun sich schon schwer damit, einen 90-Minüter zu stemmen, wie dann erst ein 100-Stunden-Drama?

In diesem Beitrag will ich Euch einen frischen Ansatz liefern: eine einfache Methode, wie ihr eure Geschichte befragen und quasi auf Herz und Nieren prüfen könnt. Die folgenden sieben Fragen basieren auf meiner Erfahrung als Dramaturg und Story Coach hauptsächlich mit Erstlings-Autor*innen. Sie sind im Laufe vieler Jahre in meinem Bewusstsein herangereift, bedürfen aber noch weiterer praktischer Erprobung. Euer Feedback ist daher mehr denn je willkommen. Falls Ihr Fragen oder Anmerkungen habt, nutzt einfach die Kommentar-Funktion oder schreibt eine E-Mail an: alex@stoffmuster.berlin

Ich stelle diese Fragen übrigens nicht nur meinen Klient*innen, sondern wende diese Methode auch auf meine eigenen Geschichten an. Und natürlich auf jeden Film und jede Serie, die ich mir ansehe. Ich glaube, dass sie für Anfänger und Profis gleichermaßen funktionieren kann, genauso wie für Serien, 90-Minüter und Kurzfilme.

Hier die sieben Fragen, zusammen mit kurzen Erklärungen und Beispielen:

Frage 1: Wie lautet das Hauptereignis deiner Geschichte?

Eine Übung, die ich gerne mit meinen Klient*innen machen, geht so: Stell Dir vor, Deine Geschichte wäre ein Nachrichtenbeitrag, und zwar für die “Tagesschau in 100 Sekunden”. Die Tageschau in 100 Sekunden: das sind fünf Beiträge plus der Wetterbericht. Du hast also für Deine Story maximal 20 Sekunden. Wie erzählst Du deine Geschichte in dieser kurzen Zeit? Was ist Deine Headline? Es ist nicht so schwer, wie Du vielleicht denkst.

“Vulkanausbruch in Mexiko”.

“Zugunglück in Italien”.

“Stau auf der A100”.

Nachrichten tun etwas, woran wir uns als Autor*innen ein Beispiel nehmen können: Sie beschränken sich auf ein zentrales Ereignis. Ein Alien. Ein weißer Hai, der Jagd auf Menschen macht. Ein psychopathischer Serienkiller. Das alles sind “Ereignisse”, “Story Events”, die das Potenzial haben, Stoff für eine dramatische Erzählung abzugeben.

Auch Geschichten tun gut daran, sich auf ein zentrales Hauptereignis zu beschränken. “2 in 1” funktioniert bei Shampoo, fürs Storytelling ist es nicht der richtige Weg. Erinnert Ihr euch noch an den HIGHLANDER? “Es kann nur einen geben!”? Dasselbe gilt auch für Story-Ereignisse: Story-Ereignisse sind nicht zum Mischen, man genießt sie pur wie einen Single-Malt-Whiskey.

Wie aber finde ich das eine Ereignis, das aus meiner Geschichte einen potenziellen Nachrichtenbeitrag macht, ein berichtenswertes Event? Ganz einfach: Ohne dieses Ereignis keine Geschichte. Kein ALIEN ohne Monster aus dem All. Kein SILENCE OF THE LAMBS ohne Hannibal Lecter. Kein JURASSIC PARK ohne Dinosaurier. Lässt Du das Hauptereignis bei Seite, hast Du nichts mehr zu erzählen. Ende. Abspann.

Hast Du hingegen mehr als ein Hauptereignis, wird Dir Dein Dramaturg irgendwann vertrauensvoll auf die Schulter klopfen und sagen: “Du musst dich entscheiden, welche Geschichte du erzählen willst!” Ich weiß nicht, wie oft ich selbst diesen Satz schon benutzt habe. Gerade unerfahrene Autor*innen neigen dazu, ihre Erstlingswerke hoffnungslos zu überfrachten. Doch keine Sorge: Übereifer ist eine schlechte Angewohnheit, die manche auch im Alter noch nicht abgelegt haben.

Frage 2: Wem passiert die Geschichte?

Eine Geschichte ist ein zentrales Ereignis, das einer Figur passiert, an deren Schicksal wir Anteil nehmen. So könnte eine vorläufige Definition lauten. Anders als bei einem Nachrichtenbeitrag gibt es bei einer Geschichte IMMER einen Protagonisten. Gewiss, auch ein Vulkanausbruch in Mexiko passiert nicht niemandem. Aber 20 Sekunden sind einfach zu wenig Zeit, um uns Pedro vorzustellen, einen 59-jährigen Fabrikarbeiter und Vater von drei erwachsenen Kindern, dessen Frau letztes Jahr an Brustkrebs gestorben ist. Sorry, Pedro!

Übung

Die erste Frage, die ich meinen Klient*innen stelle, lautet: “Wem passiert was?” “Was” fragt dabei nach dem Hauptereignis, “wem” nach der Protagonistin. Was ist das Hauptereignis in Deiner Geschichte? Und wem passiert es? Wem passiert was?

Sonderfälle

Ereignisse sind nicht immer Dinge. Eher Attraktionen. Ein Antagonist kann ebenso das Ereignis sein wie ein Protagonist. In ALIEN, JAWS und HALLOWEEN sind die jeweiligen Antagonisten das Ereignis. In DIRTY HARRY, HOUSE OF CARDS oder den Filmen der PINK PANTHER-Reihe sind es die Protagonisten. Und in THE SILENCE OF THE LAMBS ist es gar eine Figur, die strenggenommen weder Protagonist, noch Hauptantagonist ist.

Frage 3: Die Backstory

In meinem Artikel “Story vs. Plot” habe ich das Bild eines Eisbergs benutzt, um zu verdeutlichen, in welchem Verhältnis Plot und Backstory zu einander stehen. Ich habe gesagt: “10 Prozent einer Geschichte sind der Plot, 90 Prozent die Backstory”. Genau wie bei einem Eisberg. Natürlich kann das Verhältnis auch 80:20 sein oder 50:50. Es ging nur darum, zu zeigen, wie häufig wir außer Acht lassen, dass Plot und Story nicht dasselbe sind. Ein Plot ist nur das große Finale, der Schlussspurt, das letzte Kapitel einer Geschichte, die früher, manchmal sehr viel früher ihren Ausgang nahm.

Warnung: Eine Backstory ist keine vollständige Nacherzählung, kein lückenloser Bericht all dessen, was bisher geschah. Erstlingsautor*innen (schon wieder diese problembehaftete Spezies!) verwechseln das gerne. Mit fatalen Folgen. Sie verschwenden nicht nur Zeit damit, Lebensumstände zu kreieren, auf die sie später nie wieder zurückkommen. Diese unzähligen Details erweisen sich im Nachhinein oft sogar als hinderlich, weil sie uns als Autor*innen der Flexibilität berauben, spielerisch mit unseren Ideen umzugehen.

Wonach wir suchen, ist ein Potenzial für Drama

Wonach wir suchen, wenn wir die Backstory einer Figur erfinden, ist ein Potenzial für Drama. Das kann ein traumatisches Erlebnis sein, eine falsche Entscheidung, die wir getroffen haben oder eine Charakterschwäche, die uns immer wieder in Not bringt. Doch manchmal schwelt ein Konflikt für lange Zeit, ehe er ausbricht. Dieser Ausbruch ist die rote Fahne, die den letzten Kilometer unserer Story-Marathons einläutet. Sie ist der Auslöser unserer Geschichte. Der Anfang vom Ende.

Frage 4: Der Auslöser

In HOUSE OF CARDS wird Frank Underwood bei einer anstehenden Beförderung übergangen. In BREAKING BAD erfährt Walter White, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist. In YOU ARE WANTED wird Hotel-Manager Lucas Franke Opfer eines Hackerangriffs.

Manchmal ist die Welt in tadelloser Ordnung, bevor sie auseinanderbricht. In STILL ALICE wird bei einer Professorin Alzheimer festgestellt, eine Krankheit, die alles in Frage stellt, was diese Frau zu sein glaubt – und ihre bis dahin sorglose Existenz bedroht.

Viel häufiger aber hat der Verstoß gegen diese Ordnung schon sehr viel früher stattgefunden. Dem Auslöser auf der Plot-Ebene entspricht in den meisten Fällen ein Stück “schlechtes Karma” aus der Vergangenheit.

In GROUNDHOG DAY gerät ein Reporter in eine Zeitschleife – das auslösende Ereignis. Doch sein Zynismus, der nach Heilung schreit, reicht viel weiter zurück. Frank und Claire Underwood befinden sich auf einer lebenslangen Mission, die lediglich an Intensität zunimmt, nachdem Frank übergangen wurde. Und in AMERICAN BEAUTY hat Lester Burnham etwas “verloren”, lange bevor er sich in die Freundin seiner Tochter verguckt.

Viele Geschichten beginnen mit einem Verstoß gegen die herrschende Moral einer Gruppe. AMERICAN BEAUTY ist voll von solchen Verstößen: Man flirtet nicht einfach mit der besten Freundin der eigenen Tochter. Nicht, wenn sie minderjährig ist und man in einer amerikanischen Vorstadt lebt. Man kündigt auch nicht einfach seine gut bezahlte Festanstellung und erpresst seinen Vorgesetzten. Nicht, wenn man Hypotheken abzubezahlen hat und eine Gerichtsverfahren vermeiden möchte. Und man fängt als Familienvater auch nicht plötzlich an zu kiffen und macht sich auf die Suche nach einem Aushilfs-Job mit dem geringstmöglichen Maß an Verantwortung. Das hat man uns so nicht beigebracht. Es ist gegen die Regeln.

Die Moral der Gruppe ist relativ, sie kann richtig oder falsch sein, sie kann Struktur bedeuten oder Tyrannei. Und entsprechend ist das Aufbegehren des Protagonisten gegen diese Moral nicht per se gut oder schlecht. Es hängt davon ab, wo wir uns als Zuschauer selbst auf der moralischen Landkarte verorten.

Eine Geschichte handelt immer vom Unvermeidlichen, dem was nicht passieren soll, was nicht passieren darf. Passiert es doch, betreten wir eine neue Welt, die Menschen mit Entscheidungsschwäche besser nicht betreten sollten.

Frage 5: Aufgaben und Entscheidungen

Nimmt das Hauptereignis erst seinen Lauf, stellt sich die Frage: Wie erzählen wir eine Entwicklung innerhalb dieses Ereignisses? Wie erzählen wir einen Fortschritt? Wie erzählen wir, dass aus dem Chemielehrer Walter White der Drogenbaron Heisenberg wird? Wie erzählen wir von Michael Corleones Aufstieg zum neuen Paten? Wie von der schwierigen Selbstfindung des jungen Chiron in MOONLIGHT? Und wie von der unerwarteten Präsidentschaft Tom Kirkmans in DESIGNATED SURVIVOR?

Die Antwort: Überhaupt nicht. Wir erzählen stattdessen von etwas anderem. Wir erzählen von einem Attentat auf zwei Widersacher in einem italienischen Restaurant in der Bronx. Wir erzählen von der Begegnung eines jungen Außenseiters mit seinem Mentor. Wir erzählen von einem aufsässigen Gouverneur, einem kriegstreiberischen General, einer schwer einzuschätzenden Kongressabgeordneten.

Natürlich ist das nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte ist: Indem wir die Reise in Etappen aufbrechen. Indem wir das Hauptereignis in einer Serie von Unter-Ereignissen teilen. Wobei wir jedes dieser Unter-Ereignisse auf dieselbe Art befragen können, wie das Hauptereignis. Wie bei einer russischen Matrjoschka.

Was uns dabei wirklich interessiert, sind nicht die Ereignisse selbst, sondern die Entscheidungen, die ein Protagonist im Zuge dessen treffen muss und die oft unerwarteten Konsequenzen, die sich daraus ergeben. Mehr dazu im letzten Abschnitt.

Frage 6: Auf welchen Höhepunkt steuert die Geschichte unweigerlich zu?

Während er der Taufe seines Patenkindes beiwohnt, lässt Michael Corleone sämtliche seiner Widersacher ermorden. Jack Dawson schwinden im eiskalten Atlantik die Kräfte, während Rose gerettet wird. Chiron trifft seinen Jugendfreund wieder und bekennt sich zum allerersten Mal zu seiner Homosexualität. Es scheint ziemlich klar, was mit der Frage nach dem Höhepunkt gemeint ist.

Außer, dass es nicht klar ist. Viele Geschichten scheinen eine Art Doppel-Höhepunkt zu besitzen. Oder besser gesagt: eine Kombination aus einem Höhe- und einem Tiefpunkt. Harry Burns und Sally Albright gehen zuerst im Streit auseinander, nachdem sie die Nacht miteinander verbracht haben. Und erst dann wird Harry klar, dass Sally die Frau ist, die er liebt und mit der er gerne den Rest seines Lebens verbringen möchte. Auch die Kombination aus zwei Höhepunkten scheint zu existieren: Marty McFly muss zunächst seine Eltern verkuppeln und dann in seinem DeLorean ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT reisen.

Frage 7: Was ändert sich?

Jede Geschichte hat zwei Ebenen. Die eine ist die Ebene des Plots, die andere die der Bedeutung. Wenn wir einen Film nicht von Anfang an sehen, verstehen wir oft die Bedeutung nicht; wir sehen nur den Plot. Ein B-Movie ist in meiner Definition ein Film, der sich lediglich auf einer Ebene abspielt: der Plot-Ebene. Ein reines Ereignis, ohne Bedeutung.

Wenn wir den Anfang und das Ende einer Geschichte vergleichen, verstehen wir am besten ihre Bedeutung. Was hat sich geändert? Theoretisch gibt es hier zwei Möglichkeiten: Entweder eine Reise führt von A nach B. Oder sie führt von A nach B und dann wieder zurück nach A’. Von A nach B reisen wir in TITANIC, MOONLIGHT, AMERICAN BEAUTY und BREAKING BAD. Den A-B-A’-Weg gehen wir in BACK TO THE FUTURE, THE WIZARD OF OZ und THE BRIDGES OF MADISON COUNTY.

In WHEN HARRY MET SALLY heiraten die beiden Protagonisten am Ende und erzählen dann im Rahmen einer Dokumentation, wie es dazu kam, dass sie ein Paar wurden. Die Ironie dabei: Indem sie heiraten, können sie endlich Freunde sein, ohne dass ihnen als Mann und Frau der Sex dazwischenkommt. Es hat sich alles verändert und nichts.

3 Gedanken zu “Mit diesen 7 Fragen meisterst Du deine Geschichte”

Schreibe einen Kommentar