Die Woche aus Dramaturgensicht (KW38/17) – Diesmal: Nazis im Bundestag, The Handmaid’s Tale, Spendet Drehbücher!

Nazis im Bundestag

In Kürze werden also Nazis im Bundestag sitzen. Will heißen: Jedesmal, wenn wir von “Nazi-Deutschland” sprechen, müssen wir in Zukunft präzisieren, ob wir die Jahre 1933 bis 45 meinen oder die Jahre 2017 und folgende. Danke, Merkel! Deutsche Talente, die jetzt schon ihre Koffer packen und dabei Billy Wilder, Fritz Lang oder Ernst Lubitsch denken, seien allerdings daran erinnert, dass Hollywood in Zeiten Donald Trumps auch nicht mehr das Exil ist, das es mal war.

Der Erfolg der Rechten hat aus dramaturgischer Sicht eine einfache Ursache. Nazis sind zwar doof, aber ihre Anführer haben eine Geschichte, die selbst der letzte Depp versteht: Schuld an allem sind immer die Anderen. Jeder, der Kinder hat, weiß, dass eine solche Sichtweise ganz normal ist – bei Fünfjährigen. Hillary Clinton hat das leider nicht kapiert und deswegen gegen Trump verloren (obwohl sie die besseren Argumente hatte). Und wir Deutschen? Tja, jetzt rächt sich wohl, dass Deutschland seit Jahrzehnten eine Dramaturgie-Wüste und sein erzählerisches Niveau nie über Tatort-Niveau hinausgelangt ist.

THE HANDMAID’S TALE in Deutschland schauen

Doch Spaß beiseite! Diese Woche wurden zum mittlerweile 69. Mal die Primetime Emmy Awards vergeben, also die Preise für die besten TV-Programme. Als beste Dramaserie wurde dabei THE HANDMAID’S TALE des US-amerikanischen Streaming-Anbieters Hulu ausgezeichnet. In Deutschland wird THE HANDMAID’S TALe ab 04. Oktober bei Entertain TV ausgestrahlt, dem IPTV-Portal der Telekom. Wer keinen Telekom-Anschluss besitzt oder, wie ich, keine Lust hat, noch mehr Geld für Fernsehen auszugeben (nach der GEZ, Netflix, Amazon Prime und Sky), den wird vielleicht freuen, zu hören, dass der Science Fiction-Roman von Margaret Atwood aus dem Jahr 1985 schon einmal verfilmt wurde, und zwar von Volker Schlöndorff unter dem Titel DIE GESCHICHTE DER DIENERIN. Das Drehbuch schrieb kein Geringerer als Literaturnobelpreisträger Harold Pinter. Man wird aber wohl kritisch anmerken dürfen, dass er den Nobelpreis vermutlich nicht für dieses Buch erhielt. Schlöndorff selbst bezeichnete den Film als Auftragsarbeit, und ja, vielmehr ist daraus trotz Staraufgebot nicht geworden.

Immerhin das Drehbuch der Pilotfolge der jetzt emmy-gekürten ersten Staffel von THE HANDMAID’S TALE ist auch für Interessierte in Deutschland verfügbar, und zwar unter folgendem Link: The_Handmaids_Tale_1x01_-_Pilot.pdf

Deutsche Drehbücher im Netz

Apropos, Drehücher downloaden. Es ist eine der positiveren Begleiterscheinungen der Award Season, dass die Studios auch dieses Jahr wieder jede Menge preisverdächtige Drehbücher zum Download anbieten werden – kostenlos und im branchenüblichen PDF-Format. Auf Seiten wie http://www.simplyscripts.com/ warten bereits jetzt ganze Oscar®-Jahrgänge darauf, von Drehbuch-Adepten und Fans inspiziert zu werden. Die Frage scheint berechtigt, warum es ein solches Portal nicht auch für deutsche Drehbücher gibt. Meine Recherche hat ergeben, dass genau 24, in Worten: vierundzwanzig, Drehbücher in deutscher Sprache im weltweiten Netz als kostenloser Download zur Verfügung stehen, die meisten davon auf der Seite des Verbandes der Drehbuchautor*innen VDD. Zwar stellt die Deutsche Filmakademie jedes Jahr eine Handvoll Lola-Nominierte zum Online-Lesen bereit, aber wer möchte schon ein 150-Seiten-Drehbuch wie das von TONI ERDMANN am Bildschirm lesen. Idee: lobenswert. Umsetzung: verbesserungswürdig.

Dann schon lieber die englische Version, die derzeit noch hier zum Download bereitsteht: tonierdmann_screenplay.pdf

Eine der meistgelesenen englischsprachigen Drehbuch-Blogger, der Hollywood-Insider Scott Myers, nennt drei Säulen des Erfolgs, ohne die wohl noch keine Autor*innen-Karriere erbaut wurde:

  1. viel schreiben
  2. viel lesen
  3. viele Filme schauen

Klingt selbstverständlich, ist aber für Autor*innen, die vorrangig den deutschen Markt studieren wollen, aus den genannten Gründen gar nicht so einfach. Ich möchte darum an dieser Stelle einen Aufruf starten: Produzent*innen, Sender, Rechteinhaber*innen, Autor*innen – Spendet Eure Drehbücher! Sendet Sie an alex@stoffmuster.berlin oder kontaktiert mich, wenn Ihr Fragen habt. Mein Ziel ist es, hier eine möglichst umfangreiche Linksammlung aufzubauen und zu Studienzwecken verfügbar zu machen – kostenlos wohlgemerkt und ohne jeglichen kommerziellen Hintergedanken. Deutschland braucht ganz einfach bessere Drehbücher, das ist alles. Irgendwie müssen wir die Nazis ja schließlich auch wieder loswerden!

Zum Schluss noch ein Buchtipp für alle, die sich für Neurowissenschaften im Allgemeinen, und Emotionen im Besonderen interessieren: HOW EMTOTIONS ARE MADE: THE SECRET LIFE OF THE BRAIN der amerikanischen Autorin Lisa Feldman Barrett stellt so ziemlich alles auf den Kopf, was wir bisher über Emotionen zu wissen glaubten. Besonders interessant aus meiner Sicht sind ihre Ansichten zu Charles Darwin und dem scheinbar ewigen Disput zwischen Essenzialismus und Konstruktivismus. Sehr empfehlenswert!

In diesem Sinne noch eine schöne Woche und bis zur nächsten Ausgabe.

Euer Alex von stoffmuster.berlin

Schreibe einen Kommentar