“Berlinale” ist “Loglinale”!

Endlich, die 67. Internationalen Filmfestspiele Berlin, sie beginnen heute Abend mit der feierlichen Eröffnung im Berlinale-Palast und dem Film “Django” über den Sinti-Musiker und Wegbereiter des “Gypsy Swing” Django Reinhardt im von Nazis besetzten Paris des Jahres 1943. Das Warten hat ein Ende. Oder jedenfalls fast!

Es ist 7 Uhr 30 am Morgen.

Das Atrium am Potsdamer Platz hat erst vor wenigen Minuten geöffnet, da wickelt sich schon eine lange Schlange um die Absperrungen im Foyer und bis hinaus vor die Eingangstür, wo um diese frühe Stunde noch Minusgrade herrschen.

Erstmals müssen die Ordner eingreifen und die Wartenden bitten, enger zusammenzurücken, damit alle hineinpassen und niemand draussen in der Kälte ausharren muss.

Einige hatten den Fußboden genutzt, um wenigstens noch ein paar Ruheminuten zu akkumulieren, bevor Sie sich in einen der großen Filmmarathons des Jahres stürzen.

Nur zögerlich leisten sie den Anweisungen Folge.

Am Einlass erhält jeder Besucher ein Handout, auf dem sämtliche Filme der kommenden beiden Tage gelistet sind. Denn nur für diese erhalten Akkreditierte im Vorfeld Tickets. Anders als normale Festivalbesucher, die Karten bereits drei, in manchen Fällen vier Tage im Voraus erwerben können.

Wegen des Flughafenstreiks herrscht angeblich Chaos im Vorfeld der 67. Berlinale. Doch am ersten Tag des Vorverkaufs für Akkreditierte ist davon wenig zu spüren. Die Stimmung ist entspannt. Manch einer blinzelt verschlafen. Vielleicht ist es noch zu früh, um wegen irgendwas gestresst zu sein.

Nach etwa einer Stunde brandet ein wohlwollender, leicht ironischer Applaus auf. Er gilt der Berlinale-Crew, die wie Models auf einem Catwalk geschlossen zu ihren Plätzen schreitet.

Über jedem freien Schalter blinkt ein grünes Licht und zwei freundliche Assistentinnen helfen zusätzlich bei der Orientierung. Ein Lob an die Organisatoren, hier wurde wirklich an alles gedacht!

Als Drehbuchautor hat man es gewohnt schwer, sich im Programm zurechtzufinden.

Im Berlinale-Journal, dem umfangreichsten der zahlreichen Programm-Broschüren, finden sich neben Filmbeschreibungen in Deutsch und Englisch lediglich Angaben zu Regie und Cast. Keine zum Drehbuch oder dem Genre. Dasselbe wiederholt sich bei der offiziellen Berlinale-App, die ansonsten aber hervorragende Dienste leistet und die Planung und Selbst-Organisation während des Festivals erheblich eleganter von statten gehen lässt, als noch vor wenigen Jahren.

Eine Sache, die ich besonders vermisse, sind Loglines, also kurze, prägnante Inhaltsangaben, die im Idealfall nicht länger sind, als ein Satz und die in der kürzest möglichen Form die Kernidee einer Geschichte wiedergeben. Dieses umso mehr, als die Berlinale seit jeher nicht nur ein Publikums-Event ist, sondern auch ein Marktplatz für Distributoren, also Filmeinkäufer und -verkäufer. Und ein wesentliches Merkmal einer Logline ist ja gerade, eine Geschichte zu verkaufen. Mehr jedenfalls, als sie zu erzählen. “Sell, don’t tell!”, hörte ich das kürzlich einen amerikanischen Drehbuchlehrer auf den Punkt bringen.

Hollywood-Insider wie der amerikanische Autor und Blogger Scott Myers wollen von einer Logline genau drei Dinge erfahren, nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Nummer 1: Wer ist der Protagonist?

Nummer 2: Was ist sein Ziel?

Und Nummer 3: Was ist die Nemesis bzw. was sind die antagonistischen Kräfte?

Am Beispiel LA LA LAND könnte das etwa so klingen:

“Zwei aufstrebende Künstler begegnen sich in einer Stadt, die wie keine andere dafür steht, Träume zu erschaffen, aber auch zu zerstören.”

Die beiden Protagonisten, das sind in diesem Fall die von Emma Stone verkörperte Nachwuchs-Schauspielerin sowie der von Ryan Gosling gespielte Jazz-Musiker.

Beide verlieben sich und träumen von einer jeweils großen Karriere, ihr gemeinsames Ziel.

Doch, oh Nemesis, Los Angeles ist nun mal die Welthauptstadt der geträumten Karrieren. Und in einer Stadt, in der die Sterne vielleicht tatsächlich heller leuchten als anderswo, ist auch der Ozean der Enttäuschten tiefer und dunkler (“City of stars, are you shining just for me?”).

Nicht immer funktioniert dieses Prinzip. Bei FORREST GUMP etwa verhält sich die Lage komplizierter.

Auf der Suche nach Loglines ist die IMDB eine bewährte Anlaufstelle, wenn auch die Filmbeschreibungen nutzergeneriert sind und in ihrer Qualität daher sehr unterschiedlich ausfällt. Ich habe FORREST GUMP als Beispiel ausgewählt, weil mir die Logline in diesem Fall recht zutreffend erscheint. Spielraum für Interpretation bleibt natürlich immer, es ist schließlich keine Wissenschaft! Hier also die Logline:

“Forrest Gump, while not intelligent, has accidentally been present at many historic moments, but his true love, Jenny Curran, eludes him.”

Auch hier sind es drei Dinge, die die Geschichte im Kern ausmachen:

Nummer 1: Der Protagonist (“Forrest Gump, while not intelligent”)

Nummer 2: Das Unterscheidungsmerkmal (“has accidentally been present at many historic events”)

Nummer 3: Die Emotion (“but his true love eludes him”)

Dies ist die zweite Variante einer Logline, wie sie in Hollywood (und hierzulande) Aussicht auf Erfolg bietet.

In den kommenden Tagen will ich versuchen, zu einigen der beim Festival gezeigten Filme die Loglines nachzuliefern. Hauptsächlich natürlich zu denen, die auf meiner eigenen Watchlist stehen. Den Anfang machen MOONLIGHT VON Barry Jenkins, ELEOMEA von Angel Vagenshtain und NIGHT OF THE LIVING DEAD von John A. Russo und George A. Romero.

ELEOMEA, ein ostdeutscher Science-Fiction-Film aus dem Jahr 1972, eröffnet in diesem Jahr die “Retrospektive”. Und NIGHT OF THE LIVING DEAD erlebt in der in 4K restaurierten Fassung seine internationale Premiere im Rahmen der “Berlinale Classics”.

Dieser Artikel wird also bis zum Ende der Berlinale täglich ge-updatet. Ich nenne es die “Loglinale”.

Folge @stoffmuster auf Twitter oder suche nach #loglinale, um über die neuesten Einträge informiert zu werden.

Und wenn Du selbst eine Logline zu einem Film besteuern möchtest, den Du auf dem Festival gesehen hast, dann nutze dafür doch einfach das Kommentarfeld oder schreibe an alex@stoffmuster.berlin.

Denke daran, Deine Logline sollte drei Dinge enthalten: Protagonist – Ziel – Nemesis (Variante A) oder Protagonist – Erkennungsmerkmal – Emotion (Variante B)

Jede eingereichte Logline, die diesen Bedingungen entspricht, wird hier veröffentlicht.

Bitte schreibe auch etwas darüber, wer Du bist und warum Du dich mit Loglines beschäftigst.

Der Nutzen ist vielfältig: Für Dich selbst ist es eine großartige Übung!

Allen Anderen hilfst Du, ihr Story-Verständnis zu schärfen und sich im Programm-Dschungel der Berlinale besser zurechtzufinden.

Du bist nicht einverstanden mit der hier vorgestellten Logline-Theorie? Dann hinterlasse einen Kommentar und präsentiere uns Deine eigenen Theorie. Was macht eine gute Logline Deiner Meinung nach aus?

Und schließlich noch die Bitte: Falls Dir mein Artikel gefallen hat oder Du etwas gelernt hast, dann teile ihn doch bitte mit Deinen Freunden im sozialen Netz.

Gute Geschichten brauchen wir schließlich alle.


Update vom 10.02.17

Erster Film, erster Volltreffer!

Als ein in seiner schlichten Eleganz über weite Strecken herausragendes Drama über eine schwierige Identitätsfindung erwies sich der hochgelobte und für acht Oscars nominierte MOONLIGHT von Barry Jenkins, der im Rahmen der AG Kino-Screenings in den Hackeschen Höfen gezeigt wurde.

Die Logline:

In einer von Drogen, Gewalt und männlichen Rollenklischees geprägten Umwelt sucht ein schwuler schwarzer Heranwachsender und später junger Mann nach seinem Platz im Leben.

Offizieller Kinostart ist am 09.03.

Mein Fazit: Besser geht’s eigentlich kaum!

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