Beginnt jede gute Geschichte wirklich mit einer guten Idee?

Denken Sie bitte für einen Augenblick an Ihre momentane Lieblings-Serie: Was, würden Sie sagen, ist die Idee dieser Serie? Und wie würden Sie diese Idee einem Produzenten pitchen? Sagen wir: in einem klassischen Elevator-Pitch von nicht mehr als 30 Sekunden Länge?

Meine Wahl fällt derzeit auf die Netflix-Serie “House of Cards” und ich würde sie pitchen als “Shakespeare in Washington”. Als die Tragödie eines ehrgeizigen Politikers, der von seinen eigenen Ambitionen zu Fall gebracht wird.

Wie würde wohl ein Produzent auf meine Präsentation reagieren? Ich vermute, er würde antworten: “Klingt spannend, schicken Sie doch mal ein Exposé!” Was er mit ziemlicher Sicherheit nicht sagen würde, ist: “WAHNSINN! Das ist beste Idee, die ich je in meinem Leben gehört habe!”

Aber warum eigentlich nicht? Es ist schließlich die Idee für “House of Cards”, eine der am höchsten bewerteten Drama-Serien aller Zeiten. War mein Pitch nicht gut? Ehrlich gesagt, ich glaube nicht, dass mein Pitch das Problem ist. Ich glaube, dass “House of Cards” – und das, obwohl es sich um eine großartige Serie handelt – NICHT auf einer großartigen Idee beruht.

Was der landläufigen Meinung widerspricht, dass am Anfang eines Projekts immer eine gute, oder besser noch: eine großartige Idee stehen muss. Ich behaupte: Es reicht, wenn am Anfang einer Geschichte eine bewährte Idee steht. Sie muss weder großartig noch besonders originell sein, solange sie funktioniert und über dramatisches Potenzial verfügt.

Lassen Sie mich das erklären. Dieser Artikel soll keineswegs ein Aufruf zum Mittelmaß sein. Wir brauchen gute Ideen, und viele davon. Heute mehr denn je. Sonst können wir die Probleme der Welt nicht lösen. Und wir als Autor*innen nicht unsere Miete bezahlen. Ideen sind schließlich unsere wichtigste Währung.

Dass die Idee zu “House of Cards” funktionieren kann, wissen wir, denn sie ist zu gleichen Teilen Remake wie Adaption. Die Idee hat sich bewährt.

Die literarische Vorlage schuf der britische Romanautor Michael Dobbs mit seiner “Francis Urquhart-Trilogie”, die zwischen 1989 und 1994 erschien. Alle drei Teile wurden von der BBC mit großem Erfolg jeweils als vierteilige TV-Miniserie verfilmt.

Der Babyface-Killer

Dobbs ist, nebenbei bemerkt, selbst ein ziemlich interessanter Charakter. Von 1977 bis ’79 war er Berater der damaligen Oppositionsführerin Margaret Thatcher. Von 1979 bis ’81 dann Redenschreiber für die Abgeordneten der Konservativen Partei. Und von 1981 bis ’86 schließlich Sonderberater der Regierung. 1984 überlebte er den Bombenanschlag auf den Parteitag der Konservativen in Brighton und in den Jahren 1986/87 war er Stabschef – dieselbe Rolle, die in der Netflix-Version seines Stoffes der unvergessliche, aber durchaus zwielichtige Doug Stamper einnimmt. Die britische Tageszeitung “The Guardian” bezeichnete Dobbs als „Westminster’s baby-faced hit man“. Warum? Darüber mag man nach “House of Cards” lieber gar nicht nachdenken!

Für viele, mich eingeschlossen, ist “House of Cards” nicht nur ein besonders hochwertiges Stück TV-Unterhaltung, sondern auch ein Quasi-Allmanach der Manipulations-Techniken. Blickt man auf Dobbs eigenen Werdegang, braucht man sich darüber nicht zu wundern: Neben seiner politischen Tätigkeit war Dobbs auch noch als Werbefachmann aktiv. Von 1983 bis ’86 war er Stellvertretender Leiter der Werbeabteilung bei der renommierten Agentur Saatchi & Saatchi. Von 1987 bis ’88 war er dort Leiter der Öffentlichkeitsarbeit. Bis er schließlich von 1988 bis ’91 direkt unter Firmengründer Maurice Saatchi als Stellvertretender Vorstand tätig war.

2010 schließlich wurde Dobbs von der britischen Krone zum Peer auf Lebenszeit ernannt mit dem Titel “Baron Dobbs, of Wylye in the County of Wiltshire” Soviel über den Mann, der aus einer mitnichten spektakulären Ausgangsidee einen veritablen Bestseller zimmerte. Es empfiehlt sich eben doch, über Dinge zu schreiben, mit denen man sich selbst auskennt.

Hier noch ein weiteres interessantes Fundstück: Als Regisseur David Fincher 2011 erstmals nach London reiste, um Kevin Spacey die Rolle des Francis Underwood anzubieten, stand der gerade auf der Bühne des ehrwürdigen Old Vic-Theaters, um unter der Regie von Sam Mendes (“American Beauty”) eine denkwürdige Perfomance als Richard III. abzuliefern. Wer das Stück nicht kennt: “Richard III” bildet den Abschluss von Shakespeares “Rosenkriege”-Trilogie und handelt, jawohl, von einem ehrgeizigen Politiker, der von seinen eigenen Ambitionen zu Fall gebracht wird. “Richard III” ist Shakespeares Version von “House of Cards”. Oder sagen wir besser: “House of Cards” (das Buch, die Miniserie, die Serie) ist nichts Anderes eine moderne Fassung von Shakespeares “Richard III”.

Spacey dürfte die Verwandlung daher nicht allzu schwergefallen sein. Die Rolle Richards III. ist ihm genauso auf den Leib geschrieben wie die Francis Underwoods. Und tatsächlich wird Underwood auf der ersten Seite des Drehbuchs als eine Mischung aus Richard III, Jago (aus “Othello”) und Hannibal Lecter (aus “Das Schweigen der Lämmer”) beschrieben, einem Dreigestirn des Bösen, wie es in der westlichen Populärkultur seinesgleichen sucht.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: “House of Cards” ist eine großartige Serie, die voller großartiger Ideen steckt. Aber die Idee, die der Geschichte zugrundeliegt, ist nicht viel mehr als eine Absichtserklärung. Genauso wie die Idee Ihres Kumpels, der Ihnen seit Jahren erzählt, dass er eines Tages eine eigene Kneipe aufmachen will. Daran ist nichts verkehrt. Die Idee ist gut. Aber sie ist nicht großartig.

Weil alles von der Umsetzung abhängt. Anders als bei einer High-Concept-Prämisse sind es bei “House of Cards” die kleinen Details, die den Unterschied machen: Die Wortgefechte, die sich Underwood mit seinen Kontrahenten liefert. Die Art und Weise, wie er uns immer wieder zu Verbündeten selbst seiner abscheulichsten Taten macht. Die vielen kleinen Rituale und Eigenheiten, wie etwa die gemeinsame Abendzigarette mit seiner Frau Claire oder die Ausflüge zu Freddy’s Rippchenlokal.

Als Inspiration für diesen Artikel habe ich mir noch einmal die Pilotfolge von „House of Cards“ angesehen. Erinnern Sie sich noch, wie Frank Underwood dort eingeführt wird? Es ist die Szene, als er aus dem Haus tritt, weil er einen lauten Knall gehört hat, und er es ist, der als Erster erkennt, dass etwas Entsetzliches darauf wartet, getan zu werden, und zwar von jemandem, der skrupellos und pragmatisch genug ist, es auch zu tun. Es ist eine großartige Eröffnung für eine Geschichte, die als Idee doch kaum mehr war, als ein Versprechen.

Links

Schreibe einen Kommentar